Sie mustert Jörg von oben bis unten. Ihr voller Mund und ihre Augen lächeln.
„Jörg von Ehingen, unser neuer Page. Gut, gut.“
Sie streckt ihm ihre Hand entgegen, die er sofort drücken will. Aber geschickt fasst sie ihn am Handgelenk, schaut seine Fingernägel an, dann seine Handflächen und sagt schließlich in aller Freundlichkeit:
„Du bist ein hübscher Junge. Aber du bist schmutzig und riechst wie ein verschwitztes Ross. Wir werden dich erst einmal baden müssen. Komm.“
Er folgt ihr in ein Zimmer neben der Küche, in dem ein großer Holzzuber steht.
„Zieh dich aus“, befiehlt sie.
Jörg hat sich im Leben noch nie vor fremden Leuten ausgezogen. In der Hoffnung, dass man ihn jetzt allein lässt, streift er sich ganz langsam das Hemd über den Kopf. Da geht die Tür auf und eine junge Küchenmagd bringt einen Eimer warmes Wasser herein. Jörg erstarrt.
„Jetzt zieh dich doch aus. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit“, drängt ihn die Herrin.
Er dreht ihr den Rücken zu und legt seine Unterkleider ab.
„Komm, jetzt hab dich nicht so. Du glaubst doch nicht, ich hätte noch nie einen nackten Jungen von vorn gesehen.“ Dabei lacht sie.
Und schon wieder kommt die Küchenmagd mit dem Eimer herein, dann noch zweimal, bis der Zuber voll ist. Jörg versucht jedes Mal, ihr den Rücken zuzudrehen, und hört, wie sie leise kichert.
„So, und nun hinein mit dir. Wenn du sauber bist, kommst du dann zu mir“, weist ihn die Herrin an und geht.
Da sitzt er nun im Zuber und könnte das warme Bad genießen. Aber er blickt sich unsicher nach etwas um, mit dem er sich bedecken könnte, falls jemand hereinkommt. Und schon wieder geht die Tür auf. Eine junge Magd erscheint, bückt sich flink und rafft seine Kleider zusammen.
„Halt, das sind meine …“
„Gewesen“, fällt sie ihm ins Wort. „Die kommen jetzt weg. Ins Feuer mit ihnen!“
Und schon ist sie wieder draußen. Halb verwirrt, halb verzweifelt sitzt er im warmen Wasser und kann sich nicht vorstellen, wie er Kleider bekommt, ohne nackt an diesen Mädchen vorbeigehen zu müssen.
Da erschallt draußen im Gang fröhliches Lachen, die Tür springt auf und herein kommen zwei junge vollbusige Mägde mit Schwamm, Bürste und Seife.
„So, junger Mann“, sagt die eine. „Jetzt stehen wir mal auf und lassen uns abseifen.“
Jörg steht auf, zieht verschämt die Schultern hoch, kneift die Pobacken zusammen und bedeckt sein Geschlecht mit beiden Händen. Lautes Gelächter.
„Erst mal den Rücken, dann die Brust und den Bauch“, sagt die andere beruhigend langsam, fasst ihn aber energisch an der Schulter und dreht ihn so, wie sie ihn haben will. Als sie ihm mit dem Schwamm den Rücken abgewaschen hat, nimmt sie ihn am Handgelenk und hebt seinen Arm hoch. Jörg leistet halbherzigen Widerstand.
„Jetzt hab dich nicht so. Sonst kommen wir doch gar nicht unter die Achseln. - Gut, erst die eine Seite, dann die andere Seite. Brav, brav. Du bist doch ein guter Junge.“
Dann drückt sie ihm den Schwamm in die Hand und sagt fröhlich:
„Und dein Ärschlein und das hübsche Ding da vorne darfst du selbst saubermachen.“
Da wird er ganz rot im Gesicht, was die beiden Mädchen amüsiert. Sie lachen, als hätte jemand eine lustige Geschichte erzählt.
„So, und jetzt darfst du dich hinsetzen.“
Sie bürsten seine Hände, waschen ihm den Kopf und schneiden sein Haar, so dass es nur bis zu den Ohrläppchen reicht.  Dann holt die eine einen Eimer lauwarmes Wasser.
„Und nun musst du wieder aufstehen, damit wir dich sauberspülen können“, sagt sie. „Sonst haben wir das ganze Dreckwasser im Handtuch.“
Nun steht er auf und bedeckt sich nicht mehr. Er will nicht wieder ausgelacht werden.
„Und? War das schlimm?“, fragt die eine mit freundlichem Lächeln und reicht ihm ein großes weiches Tuch, mit dem er sich abtrocknen darf.
„Und was soll ich jetzt anziehen?“
„Die Herrin wartet auf dich in der Kleiderkammer.“
Er schaut sie fragend an.
„Ja, bis in die Kleiderkammer darfst du das Tuch mitnehmen“, sagt sie zu seiner Erleichterung. „Komm, ich bring dich hin.“
Jörg hüllt sich in das Tuch, hält es verkrampft mit beiden Händen fest und folgt ihr mit zwei Schritten Abstand in den kühlen Gang hinaus. Ausgerechnet auf der Treppe zum Obergeschoss kommt ihm Sigismund entgegen, der die Situation sofort erfasst. Er tut, als wollte er an Jörg vorbeigehen, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, und stellt ihm im Vorbeigehen einen Fuß. Jörg strauchelt und lässt mit einer Hand das Tuch los, um sich am Geländer festzuhalten. Da reisst ihm Sigismund das Tuch aus der Hand und rennt hämisch lachend die Treppe hinunter.
Die Magd dreht sich um. Zornesfalten trennen ihre Augenbrauen.
„Dieser gemeine Kerl“, zischt sie leise. „Komm, schnell weiter. Ich schau weg.“  

Als Jörg nackt die Kleiderkammer betritt, zieht die Herrin verwundert lächelnd die Augenbrauen hoch.
„Na so was! So schnell genierst du dich nicht mehr?“
Ehe er die richtigen Worte gefunden hat, hat seine Begleiterin den ärgerlichen Vorfall berichtet. Sie sagt nichts darauf, sie seufzt nur. Aber ihre Augen verengen sich, und sie zieht ihre Mundwinkel leicht hinunter. Stumm schüttelt sie leise den Kopf.
Dann mustert sie Jörg von oben bis unten, und er weiß nicht, wo er hinsehen soll.
„Jetzt gefällst du mir schon besser. Und du riechst auch nicht mehr“, sagt sie freundlich und reicht ihm ein paar silbergraue Beinlinge und einen blauen Hosenlatz mit Gürtel.
„Schlüpf schnell hinein, dann sehen wir weiter.“
Bis zum Nabel bekleidet, fühlt er sich gleich besser. Er spürt den feinen Stoff an seinen Beinen, und das Hemd, das er gereicht bekommt, ist nicht so rau wie sein altes. Als er auch noch die dunkelblaue Schecke angezogen hat und an sich hinuntersieht, kennt er sich fast nicht mehr. Besonders freut er sich über die sich vorne verbreiternden Kuhmaulschuhe, die in elegantem Schwarz glänzen. Aber er bleibt steif stehen, schaut mit ausgebreiteten Armen an sich hinunter und weiß nicht gleich, wie er sich in dieser ungewohnten Montur bewegen soll.
„Nun geh schon in den Saal. Pater Vinzenz wartet schon auf dich.“
Er nickt gehorsam und verlässt den Saal, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, wobei er seine ungewohnt breiten Schuhe bestaunt.